Frisch eingezogen in die neue, dritte und letzte Wohnung im multikulturellen Viertel Hatikva etwas östlich in Tel Aviv. Hier wohnen Israelis und Gastarbeiter aus Sudan, Eritrea und Afrika auf engstem Raum. Eine Fremde unter Fremden also. Ich habe eine kleine, gemütliche Einzimmerwohnung gefunden und versuche mich nun den neuen Herausforderungen zu stellen. Das Viertel lebt von seinen Bewohnern, eine comixhafte Mischung alten Grossmüetis mit farbigen Kopftüchern und rauchenden Männern in Kaffeestuben. Die Mütter schreien ihre Kinder permanent an oder nach und die Kinder wehren sich kräftig und schreien zurück. Die laute, kollisionfreudige Kommunikationsform trifft besonders auf die hiesigen Israelis zu. Lautstark halten sie Frauentratsch quer über die Strasse. Auch ist die Kluft zu den Gastarbeitern stark zu spüren. Der Nachbar giesst gerne und oft Wasser über den lautstarken Fussballnachwuchs auf der Strasse. Sie sollen abhauen. Die kleinen Jungs wehren sich lachend und lassen sich nicht so einfach vertreiben. Von meinem Balkon aus beobachte ich gerne solche Alltagsszenen und erstaune immer wieder ab dem sozialen Umgang. Es tut sich für mich eine total neue Welt auf, in einer Stadt wo ich nun seit 6 Monaten rumirre und versuche zu verstehen, was vor sich geht. Die Wohnung wird nun mein kleiner Rückzugsort, mitten im Trubel, eine Höhle. Nur der Kühlschrank stinkt bis zum Himmel und die Dusche ist direkt über der Toilette, jeden Morgen fordert sie ein neues Kunststück, nicht das komplette Badezimmer zu fluten.
Heute habe ich gewaschen. Immer wasche ich in öffentlichen Waschsalons wie dies hier üblich ist, auch ein toller Ort Leute zu beobachten. Zwei junge Sudaneser haben sich erst sehr lange im Waschsalonspiegel begutachtet und mir dann sehr freundlich ein Becher Cola angeboten. Die kleinen frechen Jungs haben mit Waschpulver gespielt, wobei einer das Zeug fast gegessen hat. Das tolle Swimmingpool liegt unberührt gleich nebenan bei dem riesigen Fussballstadion. Es ist nur von Juni bis Juli geöffnet, tolle israelische Sportpolitik.
Nach ersten Auskundschaftungen habe ich einen jungen Israeli getroffen. Er wollte sich gleich zwei Wohnungen in Schchunat Hatikva ankucken, die zusammen für unglaubliche 850 Shekel zu kaufen seien. Ein Schnäppchen, wie es die Israelis lieben, haben doch seine Eltern eine Villa à 5 Million Shekel. Eine komische Story, sowas hat immer einen Hacken, hier war es der Hausverkäufer, der nämlich nicht aufkreuzte. Die Szene zeigt jedoch, wie vermehrt junge Leute nach Schchunat Hatikva ziehen, hier ist es billig und lebendig, wobei Florentin stetig teuer und mainstreamig wird.
Ich freue mich auf weitere Abenteuer in meiner neuen Heimat. Es hat jedenfalls gut angefangen und ich bin wohl im neuen Gehäuse.
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