Der Septembermonat ist wirklich ein verrückter Monat. Drei aus vier Wochenende bestehen aus Feiertagen "Rosh Hashana" (jüdisches Neujahr), "Jom Kipur" und "Sugot", jeweils werden bereits am Vorabend, also Do-Abend, manchmal schon am Mi-Abend, FR, SA jegliche Geschäfte geschlossen, nichts wagt sich auf die Strasse, sogar ausgestorbene Strände. Endlich sieht man weiter als eine Liegestuhllänge, schöne Weitsicht! Glücklicherweise gibt es noch die Araber, wo immerhin noch bei Fehlplanung des Essenvorräte ein Sandwich zu finden ist. Habe selten soviel Zeit zum Lesen gehabt, aber nach drei Wochenenden ohne Busse, Züge, Cafe, und sonstigen Vergnügungen, bleibt wirklich nur der Strand übrig. Die Sonne arbeitet glücklicherweise jeden Tag und wärmt treu die Gemüter. Wobei das Wetter nun langsam angenehm wird, die Feuchtigkeit nahm in den letzten Tagen deutlich ab. Seitdem ich im Goethe Institut als fleissige, doch unbezahlte Mitarbeiterin tätig bin, fühle ich mich hier tatsächlich auch als Teil dieser Stadt, der aktiv mitgestalten kann. Ein schönes Gefühl, nicht mehr nur konsumierender Tourist zu sein, sondern tatsächlich eine Aufgabe zu erfüllen. Wunderbare neue Erlebnisse erheitern hier auch die tägliche Arbeit, die Kulturarbeit mit Israelis ist doch ein bisschen anders, als in der förmlichen Schweiz. Auf nichts ist Verlass, und es herrscht eine unkomplizierte, spontane Arbeits- und Umgangsweise. Nur nicht zuviel, zugenau durchplanen, sondern immer auch Raum für Flexibilität lassen. Ob eine Performance stattfinden wird, kann gerne auch erst eine Woche vorher entschieden werden. Wenn ein 4-Personen-Taxi bestellt wird, fährt ein 40-Personen-BUS vor. Der Taxifahrer entpuppt sich als untauglich, ich musste ihm den Weg weisen, natürlich auf hebräisch. Doch sind die Leute immer sehr freundlich, sagen gerne "hacol beseder" alles gut, doch bleibt stets für strukturierte, schweizerverhältnisse ein gewisses unsicheres Bauchgefühl zurück, was wohl das "hacol beseder" wirklich bedeutet. Besser vor Ort mitmischen, als am Schreibtisch Entscheidungen treffen.
Fortsetzung meiner Wohnsituation. Seit einigen Tagen besucht mich ein Freund. Vier Nächte hat er ausgehalten, danach war die Stimmung dermassen im Eimer, dass er sich ein Hostel nehmen musste. Eine mir sehr unangenehme Situation, da doch mein lieber Herr Hauptmieter Adi, ständig von meinem Freund Geld verlangt hat und einen Beitrag für das Haus.. Dabei schlief er doch ständig in meinen 7 Quadratmetern, auf meiner Matratze und war stubenrein. Der Streit gipfelte, dann darin, dass ich nach mehrmaligen Interventionen meinerseits, "meine Gäste zahlen hier nichts für das Wohnen" Adi mich tatsächlich gewagt hat zu erinnern, dass ich hier schliesslich ein "single room" miete, nicht "double room"! OH! Wie konnte ich dies vergessen, Adi, ich dachte wirklich ich miete hier ein "double room", mit double bed und minibar und wann wird denn endlich die Türe zum Balkon montiert, die seit einem Monat mein Balkönli schmückt? Die beiden mittlerweile neuen Mitbewohner halten sich bescheiden aus dem Konfliktchen raus, ein Hacker, der das Haus geschweige denn den PC nicht verlässt und ein Mädchen, dass nicht sagen will woher sie kommt.
Nun, ich möchte an dieser Stelle alle Leser nochmals bekräftigen, mich trotzdem zu besuchen, denn in zwei Wochen ziehe ich hier aus, in ein neues, hoffentlich unkompliziertes, Zimmer, in der gleichen feurigen Nachbarschaft. Ausserdem menschelt es überall auf der Welt und besonders das Land der heissen Gemüter, ist ein Besuch wert. Ihr seit immer herzlich willkommen.
Morgen ist Jom Kipur, der Versöhnungstag, alle fasten, arbeiten nicht, fahren keine Autos, tragen kein Leder - also ein Tag des Fahrrads, bereits heute gab es viele Kinder auf der Strasse, die mit ihren brandneuen Dreiräder erste Fahrversuche starteten. süss!
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